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Bio schafft Bewusstsein

(21.12.2010)

Tagung von AoeL und MRI zu „Lebensstil und Unternehmenskultur“

Der Schlüssel liegt woanders. Die Frage der Qualität von Bio-Produkten lässt sich nicht (nur) mit technologischen oder ernährungsphysiologischen
Analysen beantworten, sondern vor allem im Zusammenspiel „Lebensmittelkultur, Unternehmenskultur und Lebensstil“. Diesen Zusammenhang beleuchtete die Tagung der Assoziation ökologischer Lebensmittel-Hersteller (AoeL) und des Max Rubner-Instituts (MRI) am 30. November in Karlsruhe.

Die Biopioniere hatten in ihren Anfängen jedenfalls das Ganze im Blick. Davon berichtete Peter Geldner von der Meyermühle. Nach dem Skandal um nitratverseuchtes Grundwasser stellte er die Mühle konsequent auf Bio um. Von der Skepsis in konventionellen Kreisen, aber auch in der Bio-Szene selbst ließ er sich nicht beirren und verfolgte seinen Weg weiter, weil er sich ökonomisch und ökologisch als sinnvoll erwiesen hat.

Auf die Verbraucher wiederum richtete Prof. Dr. Ingrid Hoffmann vom MRI den Blick. Sie stellte die Forschungsergebnisse auf Basis der Nationalen Verzehrsstudie II zum Ernährungsund Gesundheitsverhalten von Konsumenten vor: Bio-Käufer sind im Durchschnitt sportlich aktiver, ernähren sich bewusster und fühlen sich gesünder. Und je mehr Bio sie kaufen, desto mehr verfolgen sie einen gesunden Ernährungs- und Lebensstil – oder umgekehrt.

Welche Potenziale für das Marketing der Bio-Unter-nehmen in dieser Studie liegen, leuchtete Prof. Dr. Achim Spiller von der Uni Göttingen aus. Da Kunden sich aus einer bestimmten Einstellung zur Umwelt heraus – etwa zu Gentechnik, Tierschutz und Fairtrade – für Bio entscheiden, rät er den Herstellern, wieder verstärkt politisch aufzutreten. Darüber hinaus könnte die Branche für gesundheitliche Bedürfnisse von Bio-Käufern, die zu 50 Prozent übergewichtig sind, ganzheitliche Antworten bieten: etwa mit Bio-Vollwertkost.

Karl Huober, Geschäftsführer von Huober-Brezel und AoeL-Vorstand, ging noch einen Schritt zurück: „Mein Problem ist nicht: Was mache ich im Marketing daraus?“, sagte er. Vielmehr gehe es um ein tieferes Verstehen: „Wie können wir aus unserem konventionellen Umfeld heraus etwas verwandeln?“ Dabei könne man sich in der Bio-Branche nicht darauf ausruhen, dass man schon im Besitz des Wahren ist: „Die Kraft der Verwandlung kommt aus dem Erleben der eigenen Unzulänglichkeit und die Auseinandersetzung mit den vermeintlich Anderen.“

Beispielhaft beschrieben drei Bio-Hersteller ihren Weg. Dabei habe sich die Hofpfisterei ein klares Ziel gesteckt: „Immer mehr Menschen mit immer natürlicherem Brot zu versorgen“, erläuterte Friedbert Förster, Marketingleiter der Münchner Traditionsbäckerei. Diesem Ziel kommt die Hofpfisterei eben nicht durch aufdringliche Preisaktionen, wohl aber durch Gespräche mit den Kunden näher: „Bei den Besichtigungen kommen immer Verbesserungsvorschläge“, so Förster. Zudem habe die Bäckerei große Anstrengungen unternommen, dass ihr Brot zu möglichst 100 Prozent dem menschlichen Verzehr zugute kommt und nicht weggeworfen wird.

„Die Tatsache, dass wir Bio-Lebensmittel herstellen, bringt uns automatisch zu besonderem Bewusstsein“, betonte auch Manuel Pick, Geschäftsführer von den Ökologischen Molkereien Allgäu. „Denn Lebensmittel sind besondere Güter, die besonderen Schutzes und Sorgfalt bedürfen. Sie sind Lebensstil bildend und damit sind sie Kulturgüter.“ Für ihn schließt sich der Regelkreis durch die besonderen Bio-Lebens-mittel: „Sie haben eine Wirkung auf das Unternehmen und darüber hinaus auf den privaten Lebensstil unserer Mitarbeiter.“

Wie der Lebensstil von Hersteller und Abnehmer sich gegenseitig befruchten können, machte Karl Schweisfurth, Geschäftsführer der Herrmannsdorfer Landwerkstätten, an seinem Landhuhn-Projekt klar. Mit der Idee, von der industrialisierten Haltung wegzukommen, wollten die Werkstätten wieder alte Hühnerrassen, die sowohl Eier als später auch Fleisch geben. „Da diese alten Rassen nicht so ergiebig sind, haben wir die Kunden gefragt, ob sie mitmachen und uns ein Darlehen geben.“ Trotz des höheren Preises für die Erzeugnisse ist das Projekt ein großer Erfolg.

„Wir müssen in den Dialog miteinander kommen: Heute muss man eben erklären, dass Milch nicht nur weiß ist und aus der Tüte kommt“, schlussfolgerte Dr. Alexander Beck am Ende der Tagung. Dabei gehe es um mehr als nur die Frage, ob Bio nun gesund sei. Eine ganzheitliche Betrachtung ist gefordert. Volkmar Spielberger, Geschäftsführer der Spielberger Mühle, sagte es so: „Handeln können wir nur miteinander, als Unternehmer, Mitarbeiter und Kunden.“

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